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Aus dem Urteil des Landgerichts Statement von Iris zu den Hintergründen ihrer Haftzeit Befreit! Aus einem Schreiben von Iris an die JVA wegen Veganismus Bericht über die 30 Tage Haft für Tierbefreiungen

Bericht von Iris

30 Tage in Haft wegen Tierbefreiungen

Weil es sicher manche Leute interessiert, was ich in der JVA erlebt habe, und um Leuten, die (evtl. mal) vor der Entscheidung stehen, eine Ersatzfreiheitsstrafe o.ä. abzusitzen, einen Eindruck zu vermitteln, möchte ich beschreiben, wie es mir in den 30 Tagen in der JVA ergangen ist.

Ich fand (und finde) es gut und wichtig, die mir auferlegten 30 Tagessätze à 7 Euro nicht zu bezahlen, sondern stattdessen die Ersatzfreiheitsstrafe im Gefängnis abzusitzen (die Gründe hierfür sind bereits unter Statement sowie in der Pressemitteilung zu meinem Haftantritt dargelegt worden); hinter dieser Entscheidung stand (und stehe) ich also voll und ganz. Trotzdem konnte ich bis zum Betreten des Gefängnisses gar nicht sagen, wie ich mich damit fühle, 30 Tage in der JVA zu verbringen. Obwohl ich es nie ernsthaft in Erwägung gezogen habe, "das Geld doch auf den Tisch zu legen" (was ich bis zuletzt noch hätte tun können), war mir erst, nachdem ich mich in der JVA gemeldet hatte, mir meine Tasche abgenommen worden und ich in eine Wartezelle gesperrt worden war, richtig klar, daß ich es wirklich "durchziehen" würde und daß die Zeit in der JVA, die ich mir vorher kaum hatte vorstellen können (was wohl auch unmöglich ist, wenn mensch es nicht selbst erlebt hat), in diesem Moment beginnen würde.
Meine Aufnahme in der JVA erfolgte - wie in der JVA Gelsenkirchen üblich - zunächst im geschlossenen Vollzug. Mir war noch überhaupt nicht klar, wie lange ich dort bleiben müßte, denn für Ersatzfreiheitsstrafen ist zwar nicht der geschlossene, sondern der offene Vollzug gedacht, aber bei einem Telefon mit der JVA war mir vorab gesagt worden, daß alle "Neuankömmlinge" zunächst in den geschlossenen Vollzug kommen würden und dann darüber entschieden würde, ob sie in den offenen Vollzug kämen oder nicht. Es hieß, diese Entscheidung könne auch mehrere Tage dauern. Doch bei meiner Aufnahme redeten die BeamtInnen sofort davon, daß ich nur noch verschiedene Aufnahmeprozesse durchlaufen müsse und dann sofort in den offenen Vollzug kommen könne.
So belief sich mein Aufenthalt im geschlossenen Vollzug auf etwa zwei Stunden, in denen ich verschiedene Aufnahmeprozeduren durchlief (u.a. mußte ich mich vor einer Beamtin im Rahmen der Durchsuchung komplett ausziehen und eine ärztliche Befragung und Untersuchung über mich ergehen lassen) und zwischendurch immer wieder in verschiedene Wartezellen gesperrt wurde. Durch ein Telefonat der Beamtin aus dem geschlossenen mit jemandem aus dem offenen Vollzug erfuhr ich schon mal, daß sich hinsichtlich der Decken, die ich bekommen sollte, über meinen Veganismus Gedanken gemacht wurde.
Dann wurde ich von zwei Beamten abgeholt und mit einem Kleinbus in den ca. 500 m weiter gelegenen offenen Vollzug gebracht. Wie draußen alles gelegen und die JVA angelegt war, konnte ich aufgrund fast undurchsichtiger Fenster kaum erkennen.
Im offenen Vollzug hatte der diensthabende Beamte erst mal keine Zeit für meine Aufnahme, sondern schloß meinen Rucksack weg und wies mich an, in einem Aufenthaltsraum zu warten. Auf dem Weg dorthin fragte er mich, ob ich schon etwas gegessen habe, in der Küche gäbe es etwas zu essen, woraufhin ich sagte, daß ich vegan lebe, was er aber schon wußte. In der Küche sei Brot und "jede Menge Rübenkraut". Ich erklärte ihm nur kurz, daß Brot nicht immer vegan ist (woraufhin er es mir zeigte, aber es war auch keine Zutatenliste dabei) und beschloß, mich um Essen später zu kümmern. Im Aufenthaltsraum saßen einige Frauen, die mich nicht weiter beachteten. Ich war ganz froh, als der Beamte nach ca. 1 Stunden endlich Zeit für die Aufnahme hatte.
Nun wurde die Verplombung an meinem Rucksack gelöst und dessen Inhalt untersucht. Zu meiner Erleichterung durfte ich alles behalten bis auf meine Vitamin B12-Tabletten und zwei Schmerztabletten1, da eine Tablettenmitnahme bzw. der Besitz irgendwelcher Tabletten nicht gestattet sei. Ich hatte vorher befürchtet gehabt, daß mir evtl. eine Mitnahme eines Teils meiner Studienunterlagen nicht gestattet werden würde, da diese sehr umfangreich waren und normalerweise die Anzahl der mitgebrachten Bücher etc. überschaubar sein soll. Während der Aufnahme unterhielt sich der Beamte mit mir über die Tierbefreiungen, wegen derer ich eingesperrt wurde und fand, daß es sich bei 59 befreiten Tieren "ja wenigstens gelohnt" habe.
Nachdem ich zwei (vegane) "Wolldecken", einen Satz Bettbezüge und Handtücher sowie Besteck bekommen hatte, wurde ich auf "mein Zimmer" gebracht, bei dem es sich um ein Einzelzimmer handelte. "Hier können sie in Ruhe lernen!", meinte der Beamte dazu. Wie ungewöhnlich es ist, sofort bei Ankunft ein Einzelzimmer zu bekommen, habe ich erst später erfahren. Die meisten Frauen leben in der JVA in 4-Bett-Zimmern und müssen auf ein Einzelzimmer einen Antrag stellen, dessen Bewilligung mehrere Monate dauern kann. Die meisten Frauen, die ein Einzelzimmer haben, sind entweder schon sehr lange in der JVA oder aber haben es, weil sie morgens sehr früh aufstehen müssen, um zu arbeiten (innerhalb oder außerhalb des offenen Vollzuges). In dem Fall müssen sie ihr Zimmer sogar selbst bezahlen.
Die Zimmer im offenen Vollzug sind keine klassischen Zellen; die Fenster sind nicht vergittert (wenngleich sich die Fenster im Erdgeschoß nur kippen und nicht ganz öffnen lassen), und die Türen werden nicht abgeschlossen, sondern die Frauen bekommen Zimmerschlüssel. Die BeamtInnen können die Zimmer aber jederzeit betreten (sie haben Generalschlüssel, der eigene Schlüssel darf nicht von innen steckengelassen werden), auch nachts. Eine nächtliche Zimmerkontrolle findet in unregelmäßigen Abständen statt; während meines Aufenthalts in der JVA kamen sie zweimal vor. Es ist schon ein komisches Gefühl, mitten in de Nacht aus dem Schlaf gerissen zu werden von jemandem, der/die plötzlich neben deinem Bett steht und mit der Taschenlampe herumfuchtelt (eine Beamtin hielt sich zur Zimmerkontrolle länger als nötig in "meinem" Zimmer auf und erklärte auf meine verschlafene Nachfrage gelassen, sie wolle "nur mal gucken, was Sie da so alles haben").
In den Zimmern befindet sich ein Bett mit Schaumstoffmatratze und einem Schaumstoff-Dreieck als "Kissen" (auf dem das Schlafen so unbequem war, daß ich mir beim ersten Besuch ein richtiges Kissen mitbringen ließ), es gab also auch keine Probleme hinsichtlich einer unveganen Matratze o.ä., ein Kleiderschrank, ein Tisch, ein Stuhl und ein Aschenbecher. Außerdem gehört zu jedem Zimmer ein eigenes Bad, welches "mein" Zimmer in der JVA sogar noch komfortabler machte als das Zimmer, das ich im StudentInnenwohnheim bewohne, wo ich mir das Bad mit einer Zimmernachbarin teilen muß. Aber selbstverständlich macht dies noch lange keine "Wohnqualität" aus, wenn jederzeit jemand in den "eigenen" Wohnbereich kommen kann, mensch das Haus bzw. das Gelände nicht frei verlassen kann, ... Von anderen Gefangenen habe ich gehört, daß BeamtInnen z.B. die Sauberkeit der Zimmer überprüften, indem sie mit dem Finger über die Möbel strichen oder Kleider aus dem Schrank warfen, weil der Schrank unordentlich sei. Solche Schikanen habe ich zum Glück nicht erlebt.
An meinem ersten Tag wurde ich noch zu einem sog. Erstgespräch (ein weiteres erfolgte nicht) gerufen. Den Rest des Tages verbrachte ich im wesentlichen mit Auspacken und dem Lesen der Hausordnung, aus der ich u.a. erfuhr, daß ich mich zweimal täglich (um 7:30 Uhr und 19:30 Uhr) im Büro an- und abzumelden habe. Zu Essen bekam ich an diesem Tag nichts, da es nur mittags etwas warmes zu essen gibt und ich nach dem Mittagessen eingetroffen war, ansonsten gibt es nur Brot, von dem ich ja noch nicht wußte, ob es vegan ist. Am nächsten Morgen hatte ich frühmorgens einen Termin beim Arzt, da mir gesagt worden war, daß dieser für die Entscheidung, ob ich meine B12-Tabletten ausgehändigt bekommen solle, zuständig sei. Auf dem Weg in den geschlossenen Vollzug (wo sich der Arzt befindet) wollte mir die mich dorthin bringende Beamtin weißmachen, daß der Arzt auch für meine Ernährung zuständig sei. Der Arzt erklärte mir doch sehr knapp und abweisend, daß er weder für das eine noch für das andere zuständig sei.
Es bedurfte noch einiger deutlicher Worte meinerseits, bis ein Gespräch zwischen mir und der Küchenleitung arrangiert und meine vegane Verpflegung abgeklärt wurde, aber ab dem Mittagessen am zweiten Tag erhielt ich nun täglich ein veganes Mittagessen. Zudem wurde mir von der JVA eine ganze Menge Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte (sowie Sojasauce, Zitronensaft, Marmelade und ein paar andere Dinge) zur Verfügung gestellt, so daß ich mir abends selbst was zu essen machen konnte. Durch Produktanfragen erfuhr ich nach einiger Zeit auch, daß zwei Brotsorten des JVA-Brotes vegan waren (die meisten Brotsorten waren es nicht) und der Zitronensaft und die Marmelade auch in Ordnung waren. So war das Essen insgesamt ausreichend, wenn auch alles andere als toll. Das in der JVA-Küche zubereitete Mittagessen war meistens kein Genuß und entsprach auch überhaupt nicht einer gesunden Ernährung, schon da es kaum mal Gemüse enthielt. Allerdings hat sich der Koch wirklich Mühe gegeben, etwas veganes für mich zuzubreiten, z.B. eine extra Sauce für mich zu machen. Ich erhielt wohl oft eine Abwandlung des vegetarischen Essens. 2-3 Fertiggerichte (z.B. eine mit Grünkern gefüllte Kohlroulade - das beste, was ich in der JVA bekommen habe - und eine Tofutasche) bekam ich in Abständen von einigen Tagen immer wieder. Oft war mein Essen angelehnt an das "Essen" der anderen Gefangenen, z.B. bekam ich, wenn sie "Chili con carne" bekamen, Reis mit Bohnen und Sojabrocken in Tomatensauce. Einmal muß ich den Koch wohl schwer beleidigt haben, als ich ein Mittagessen zurückgehen ließ, auf dem sich Kartoffelpüree befand, das genauso aussah wie das Kartoffelpüree der anderen Gefangenen auch. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß das Kartoffelpüree in der JVA aus frischen Kartoffeln gemacht wird, und konventionelles Pulver enthält m.W. immer Milchpulver, außerdem wird es normalerweise ja auch mit Milch angerührt. Später stellte sich heraus, daß der Koch das Kartoffelpüree extra wegen mir mit Wasser angerührt habe und es in de JVA auch aus frischen Kartoffeln gemacht wird. Das war mir dann doch ziemlich unangenehm.
Das unangenehmste am Essen war jedoch, daß ich dazu zwischen lauter Leuten, die Leichenteile kauten, Knochen abnagten, Gräten aus ermordeten Fischen herausrissen (freitags gab es natürlich "kein Fleisch, sondern Fisch") etc., im Aufenthaltsraum sitzen mußte, denn das Essen war nur dort gestattet.
Das Essen, das ich mir hin und wieder selbst kochte, war nicht gerade eine tolle Werbung für veganes Essen, da ich außer Tomaten, Gurken und Kohl kein Gemüse und außerdem keine Gewürze zur Verfügung hatte, aber natürlich war mir vorher klar, daß Knastessen wohl im allgemeinen alles andere als toll ist (und die anderen Gefangenen beschwerten sich ständig über das Essen). Jedenfalls war es für einen Monat gut möglich, im Knast vegan zu leben - für eine viel längere Zeit wäre die Ernährung m.E. allerdings unzureichend. Meine mitgebrachten B12-Tabletten habe ich nach ca. einer Woche doch noch ausgehändigt bekommen, so daß auch eine Versorgung damit wieder gewährleistet war.
Durch die vielen "Extrarationen" an Obst, Gemüse u.a., aber auch durch das Einzelzimmer, das ich gleich am ersten Tag bekommen hatte, wurde mir de facto eine Sonderbehandlung zuteil. Einerseits war das, da Veganismus die absolute Ausnahme ist, nötig, damit ich in der JVA irgendwie versorgt werde, und auch insofern keine ungleiche Behandlung, da die anderen z.B. zweimal in der Woche je einen Liter Milch bekamen und ich statt dessen eben wöchentlich zwei Liter Sojamilch, aber andererseits war es mir doch unangenehm, ständig aufzufallen und anders behandelt zu werden. Es gab da auf jeden Fall eine Andersbehandlung meiner Person, so bekam z.B. eine Frau mit Milchzuckerunverträglichkeit keine Sojamilch, sondern konnte sich diese höchstens selbst kaufen/mitbringen lassen - von dem wenigen Taschengeld, das für zusätzliche Lebensmitteleinkäufe auf keinen Fall ausreicht. Letztendlich weiß ich nicht, warum mir die Sojamilch (um bei diesem Beispiel zu bleiben) von der JVA gestellt wurde und dieser Frau nicht. Ich bin zwar bestimmt aufgetreten, um eine vegane Ernährung durchzusetzen, aber im Gegensatz zu der Frau mit Milchzuckerunverträglichkeit habe ich nicht mal explizit Sojamilch verlangt (da ich dachte, einen Monat kann ich auch ohne auskommen). U.a. mag es an dem Brief liegen, den ich vorab an die JVA geschickt habe und dem ich auch einen Zeitungsartikel über die Versorgung eines Veganers in einer anderen JVA beigelegt hatte; vielleicht hatte die JVA Angst, daß eine unzureichende Versorgung zu einer Erwähnung in der Presse oder zu einer Protestdemonstration führen könnte.
Das Verhältnis zu meinen Mitgefangenen war (ich denke, hauptsächlich wegen meiner "Sonderbehandlung") insgesamt recht angespannt, wobei ich das Verhältnis zwischen allen Gefangenen als sehr angespannt empfand und als einen der negativsten/bedrückendsten Aspekte der ganzen Haft benennen würde. Lästereien, Streitereien, Beschimpfungen und dgl. traten bzw. treten - mein Aufenthalt wird ja kein Ausnahmezustand gewesen sein - in der JVA noch viel konzentrierter und gehäufter auf als draußen. Gespräche über andere Gefangene waren dort das Hauptgesprächsthema. Ständig wurde jemand verdächtigt/beschuldigt, irgend etwas gestohlen zu haben (und es wurde tatsächlich viel untereinander geklaut), es wurden die übelsten Drohungen ausgesprochen (die allerdings zumindest während meines Aufenthaltes nie in die Tat umgesetzt wurden) usw. Einige Frauen wurden besonders ausgegrenzt, sich über sie lustig gemacht,
Mein Veganismus und die Tierbefreiungen, wegen derer ich im Gefängnis war, sorgten dafür, daß auch ich Ziel von Lästereien und Spott wurde, z.T. hinter meinem Rücken (was ich hin und wieder mitbekam), teilweise auch offen, indem ich manchmal "blöd angemacht" wurde, weil ich mich "für die Scheiß Viecher einsetze" u.ä. Besonders, nachdem eine Frau bei ihrem Ausgang im Internet auf die meine Haft begleitende Website gestoßen war und einige Ausdrucke davon mit in die JVA brachte. Es war mir kaum möglich, bei mehreren "Diskussionen" im Aufenthaltsraum gegenüber einem Haufen Leuten, die sich alle darin einig sind, daß nichtmenschliche Tiere "doch dafür da" sind und ich demzufolge spinne, meine Ansichten irgendwie rüberzubringen. Allerdings sind mir derartige Situationen als Veganerin in dieser Gesellschaft ja absolut nicht unbekannt. Es gab allerdings auch einige Frauen, mit denen ich mich häufiger unterhielt, mit denen ich mal abends einen Film sah o.ä. Es ist auch nicht so, daß alle Frauen untereinander nur "bösartig" gewesen wären! Ich habe durchaus auch Solidarität und so etwas wie Freundschaft unter Gefangenen sehen können, auch wenn das ganze Zusammenleben dort ja auf einer Zwangsgemeinschaft (am deutlichsten in der Unterbringung in Mehrbettzimmern) beruht.
Die Zeit in der JVA ist mir in den ersten Tagen deutlich langsamer vergangen als später, was verschiedene Gründe hat, z.B. hatte ich anfangs noch keine Telefonkarte und konnte erst nach meinem ersten Besuch mal telefonieren (für die 30 Tage durfte ich zweimal eine Telefonkarte über 5 Euro bekommen), und der Kontakt nach draußen ist durch Briefpost alleine natürlich sehr beschränkt und verzögert. Weiterhin hatte ich mir zuerst dummerweise keine (nicht-studiumsbezogenen) Bücher zum Lesen mitgenommen (und die knasteigene "Bibliothek" gab nicht viel her), da ich mich in der JVA voll und ganz (ohne durch draußen gegebene Ablenkung durch Internet, Fernsehen usw.) auf das Lernen für nach meiner Haftzeit anstehende Klausuren konzentrieren wollte. Nachdem mir einige andere Bücher mitgebracht worden waren, war die Haftzeit gleich ein ganzes Stück angenehmer für mich. Insgesamt hätte ich die Haftzeit sehr viel besser rumbekommen, wenn ich nicht für einen Haufen Klausuren, deren Stoff mich absolut nicht interessierte, hätte lernen müssen, von daher relativiert es sich etwas, daß diese Zeit nicht gerade angenehm war, denn draußen hätte ich ebensoviel Zeit mit Lernen verbringen müssen.
Was mich ziemlich schnell bedrückte, war das Eingesperrtsein an sich, ohne sich draußen großartig bewegen zu können. Der JVA-Garten war nicht groß, und wenn ich dort alle paar Tage mal herumlief, wurde ich aus den Fenstern beobachtet, als sei ich "nicht ganz dicht" (ansonsten ging fast niemand raus). So sehr ich auch hinter dem stand, was ich gemacht hatte, war es trotzdem insgesamt ein Warten auf den Tag meiner Entlassung, wie bei allen anderen Gefangenen auch. Es ist keine Frage, daß alle Gefangenen die Tage zählen. Die meisten Frauen haben - soweit ich das mitbekommen habe - z.B. auch Kinder, zu denen der Kontakt sehr beschränkt ist. Und auch in jeder anderen Beziehung läuft das Leben draußen ohne sie weiter.
Ich hatte jedoch, was die Erträglichkeit meines Eingesperrtseins anbelangt, gegenüber anderen Gefangenen den großen Vorteil, daß ich voll und ganz hinter dem stand, was zu meiner Haft geführt hatte, es also nicht bereute oder mich ärgerte, "erwischt" worden zu sein (wie es viele Frauen taten). Ich denke, daß die Haftzeit weitaus schwieriger zu ertragen ist, wenn der/die Gefangene sich ständig über das ärgert, was er/sie getan hat und nicht - so wie ich - froh darüber ist und es als etwas positives und richtiges betrachtet.
Dann gab es Dinge, die mich einfach extrem genervt haben wie beispielsweise das ständige Laufen der Fernseher und das zwangsläufige Mitanhörenmüssen sämtlicher Talkshows, Gerichtssendungen, Sendung um Sendung über "Big Brother" bis hin zu "Hinter Gittern - Der Frauenknast".
Das absolute Highlight im Knastalltag waren selbstverständlich die wöchentlichen Besuche (und für die Frauen, die sich Ausgang nehmen konnten, natürlich dieser). Ich weiß nicht, wie es anderen Frauen ging (ich sah nur, daß sie - so wie ich - vor einem Besuch überpünktlich und oft ungeduldig an der Pforte warteten), ich war jedenfalls an jedem Besuchstag regelrecht aufgeregt und konnte es kaum erwarten, daß der Besuch endlich kam. Zum Glück wurde ich ab dem zweiten Besuch etwas gelassener - den ersten konnte ich kaum genießen, da ich ständig auf die Uhr sah und darum bemüht war, in dieser einen Stunde bloß nichts "unwichtiges" zu sagen. Ein weiteres Highlight (und für mich glücklicherweise ein tägliches) war die Post. Ich war so froh, jeden Tag Post zu bekommen, obwohl ich mir vorher gar nicht denken konnte, daß es so schön und wichtig wäre, etwas von draußen zu "hören"! Viele Frauen warteten jeden Tag ungeduldig auf 17:00 Uhr, weil ab da die Post abgeholt werden konnte. Ich habe mehr Post bekommen als andere Gefangene im Durchschnitt, und vom zweiten bis zum letzten Abend war immer etwas für mich dabei. Allen, die eine Adresse angegeben haben, habe ich auch geantwortet und war sehr dankbar für diese Art der Kommunikation nach draußen. An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei allen bedanken, die mir in die JVA geschrieben haben!
Am zweiten Wochenende meines Aufenthaltes fand vor der JVA eine Solidaritätsdemo statt, die ich glücklicherweise von den Fenstern der JVA aus beobachten konnte (ich hatte schon befürchtet, für diese Zeit weggesperrt oder ins Büro gerufen zu werden). Lediglich die Türen zum Garten waren vor der Demo verschlossen worden. Über die Demo habe ich mich sehr gefreut, auch wenn ich es etwas seltsam fand, draußen Leute zu sehen, die ich z.T. lange nicht mehr gesehen hatte und die ich nun nicht mal begrüßen konnte, weil ich lächerlicherweise in einem Gebäude eingesperrt war. Auch wenn die TeilnehmerInnenzahl (verglichen mit manch anderen Demos) nicht besonders hoch war, so hat es mich doch sehr aufgebaut, draußen Leute stehen zu sehen, die sich mit mir solidarisch zeigen und somit in diesem Moment für Tierrechte und Veganismus eintreten. Die Demo lieferte in der JVA einigen Gesprächsstoff, wenn auch wegen des Wochenendausgangs nur wenige Frauen zu diesem Zeitpunkt anwesend waren.
In der letzten Haftwoche erschien mir die Zeit wieder länger, weil meine Entlassung immer näher rückte und ich deswegen ziemlich aufgeregt war. Am Tag vor meiner Entlassung hatte ich schon einen fast ganztägigen "Ausgang" (der mir auf Antrag gewährt worden war), da ich vier Klausuren zu schreiben hatte, und am nächsten Morgen wurde ich (vor einer weiteren Klausur) um 5:00 Uhr morgens entlassen.
Besonders in den ersten Tagen war es toll, wieder "frei" zu sein. Aus dem Haus zu gehen, wann immer ich es möchte, hinzugehen, wohin ich möchte, Leute kontaktieren und mich mit ihnen treffen zu können, Anfangs erschien es mir manchmal nicht ganz real, daß ich wieder draußen bin, z.B. habe ich im Schlaf oder Halbschlaf manchmal geträumt, ich wäre noch in der JVA (in der JVA habe ich umgekehrt mal geträumt, ich wäre schon draußen). In der JVA hatte ich mir dauernd vorgestellt, wie es wohl sein würde, wieder draußen zu sein und mich auf die Dinge gefreut, die ich dann tun würde, und jetzt ist das alles schon längst wieder Realität.

Insgesamt bin ich sehr froh, die Geldstrafe nicht gezahlt zu haben. Auch wenn die 30 Tage Gefängnis alles andere als eine tolle Zeit waren, so finde ich es doch gut, diesen Weg gegangen zu sein.
Die Institution Gefängnis habe ich nie als etwas sinnvolles oder sonstwie positives betrachtet, aber mein eigener Aufenthalt dort hat mir natürlich noch mal einen ganz anderen (Ein)Blick verschafft. Mir kommt es so vor, als würden alle negativen Strukturen (z.B. Machtstrukturen) im Knast ganz konzentriert auftreten, und den InsassInnen bringt solch ein Aufenthalt natürlich überhaupt nichts (aber dafür ist es ja auch nicht gedacht ).
Das heißt aber nicht, daß ich Leuten davon abraten würde, eine Ersatzfreiheitsstrafe abzusitzen. Ohne das als Muß ausgeben zu wollen (ob jemand damit zurechtkommt, eine zeitlang eingesperrt zu sein, zu FreundInnen nur sehr eingeschränkt Kontakt zu haben, , muß jedeR selbst entscheiden), finde ich das eine sehr gute Entscheidung. Was ich mir gar nicht vorstellen kann, ist im Gefängnis für etwas zu sitzen, hinter dem ich nicht voll und ganz stehe und mich im nachhinein (d.h. während des Gefängnisaufenthaltes) darüber ärgere.
Ich kann allen, die evtl. mal ins Gefängnis müssen, v.a. den Tip geben, sich die Zeit dort (z.B. mit interessanten Büchern, die mensch schon immer mal lesen wollte) so angenehm wie möglich zu machen und sich nicht allzu sehr in die im Knast laufenden Intrigen und Machtspielchen hineinziehen zu lassen und auch sich im vorhinein nicht von den herrschenden Klischeevorstellungen über das Knastleben beeinflussen zu lassen.

1) Auch wenn ich Tierversuche ablehne, nehme ich bei nicht auszuhaltenden Schmerzen (wenn diese nicht mit anderen Mitteln zu beheben sind) während meiner Periode manchmal eine Schmerztablette, die von den Inhaltsstoffen her vegan ist und ein Generikum ist, was bedeutet, daß die Herstellerfirma dafür keine Tierversuche durchgeführt oder in Auftrag gegeben hat.

Iris Berger, April 2005

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