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Der Tierrechtler Günther Rogausch aus Dortmund wurde am 11. Dezember 2000 (zusammen mit einem weiteren Tierrechtler) vom Amtsgericht Krefeld wegen einer angeblichen Beleidigung des Nerzfarmers Manfred Roßberger aus Willich-Schiefbahn zu einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen à 35 DM verurteilt. Da Günther Rogausch sich weigert, diese Geldstrafe in Höhe von 268,43 Euro zu zahlen, muss er nun in der JVA Castrop-Rauxel eine 15-tägige Ersatzfreiheitsstrafe antreten.
Der Hintergrund: Mitte 1999 starteten TierrechtlerInnen eine Kampagne gegen die Nerzfarm Roßberger in Willich-Schiefbahn. 3600 Nerze wurden dort Jahr für Jahr gefangengehalten, um bis auf wenige "Zuchttiere" im ersten Spätherbst ihres Lebens von Roßberger vergast zu werden und als "Pelz" zu enden. Als Pelz(ware) betrachtet zu werden heißt für die Nerze, in kleinen, tristen Käfigen eingesperrt zu werden, auf eine Fläche, welche millionenfach kleiner ist als jene, welche ihre in Freiheit lebenden ArtgenossInnen bewohnen. Der lebenslange psychische Terror, den die Nerze auf den Farmen durchleben müssen, wird z.B. in stereotypen, d.h. sich wiederholenden, eintönigen Bewegungsabläufen, in Selbstverstümmelungen oder auch im Kannibalismus besonders offensichtlich. Durch Informationsstände, Demonstrationen, ... hatte die Kampagne schließlich zum Erfolg geführt. Zum Ende des vergangenen Jahres musste die Nerzfarm schließen und Roßberger wird dort dieses Jahr keine Nerze mehr umbringen! Doch weltweit - auch in NRW - werden nach wie vor Nerze und andere "Pelztiere" für den "Pelzhandel" umgebracht.
Weshalb ist der Tierrechtler verurteilt worden? Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, den Nerzfarmer am 13.08.2000 als Mörder und Verbrecher bezeichnet zu haben, was nach Ansicht des Gerichts eine Beleidigung sein soll. Als einziger Zeuge in dem skandalösem Verfahren wurde der Nerzfarmer benannt, dem Gericht (aus der Aktenlage) bekannte weitere Zeuginnen wurden ignoriert. Die beiden angeklagten Tierrechtler verneinten, Roßberger an jenem Tag als Mörder und Verbrecher bezeichnet zu haben, distanzierten sich jedoch nicht davon, das Umbringen von Nerzen als Mord, diejenigen, die Nerze umbringen als Mörder und den "Pelzhandel" als Verbrechen zu bezeichnen!
Warum weigert der Tierrechtler sich, die Geldstrafe zu zahlen? Er akzeptiert die Strafe nicht. Er sieht es nicht als eine Beleidigung an, jemanden, der Nerze umbringt, als einen Mörder zu bezeichnen. Im Gegenteil, er findet dies nicht nur richtig, sondern dringend erforderlich. Sprache ist nicht prinzipiell neutral, sondern eine Form der Darstellung. Durch die Darstellungsweise können Machtverhältnisse und Unrecht verschleiert, euphemisiert, als "unser gutes Recht" ausgegeben, kann Gewalt hinweggeredet, ... oder aber klipp und klar als solche benannt und aufgezeigt werden, können die Machtverhältnisse in Frage gestellt werden. TierrechtlerInnen haben sich für letzteres entschieden. Was sie sagen ist nicht unwahr, sondern zu wahr für all diejenigen, die nichtmenschliche Tiere als (ihr) Eigentum, als Mittel zum Zweck, ... ansehen, für all diejenigen, die nichtmenschliche Tiere tragen, essen, ... .
Es geht Günther Rogausch nicht allein um die Nerze, er setzt sich nicht allein für die Abschaffung des "Pelzhandels", sondern gegen jede Ausbeutung von nichtmenschlichen Tieren ein:
"Millionen Tiere werden tagtäglich umgebracht, sind die Opfer eines Machtverhältnisses, welches von Menschen durch die Speziesgrenze legitimiert wird.
Dies ist Speziesismus! Ich werde nicht stillschweigend zuschauen, wie nichtmenschliche Tiere von Menschen als Mittel zum Zweck, als SklavInnen, als Eigentum, ... angesehen, be-/ausgenutzt und auch umgebracht werden. Dass nichtmenschliche Tiere für Nahrung und Kleidung ausgebeutet und umgebracht werden, für die "Sicherheit" und Erforschung von Medikamenten, Kosmetika, ... im Namen der Wissenschaft vergiftet, verbrüht, verbrannt, vergast, ertränkt werden, ihnen Augen, Magen, Haut verätzt werden, ihre Knochen gebrochen, zertrümmert, zersägt werden, ihre Schädel zerschmettert werden, ihre Stimmbänder durchgeschnitten werden, ..., dass sie für Entspannung und Vergnügen aufgespießt und erschossen werden, für Vergnügen ausgestellt und dressiert werden, für Partnerschaft gezüchtet und gehalten werden, für Sport und Krieg benutzt werden, für Therapie eingesetzt werden, ... all das werde ich nie akzeptieren!"
Selbstverständlich sind dies keine leeren Worte, Günther Rogausch lebt vegan: D.h. er isst kein "Fleisch", keine Eier, keine Milchprodukte, keinen Honig, ..., er trägt weder "Leder" noch "Wolle" oder "Seide", ... (und er wird gegebenenfalls auch im Gefängnis dafür eintreten, dass er gemäß seiner ethischen Prinzipien leben kann):
"Nichtmenschliche Tiere zu instrumentalisieren und nach Nützlichkeitskriterien, wie z.B. als Schlachtvieh, als Nutztiere, als Versuchstiere oder als Pelztiere zu benennen, das Ausbeutungsziel ihrer UnterdrückerInnen zum Sinn ihres Lebens zu erklären, ... da mache ich nicht mit! Ich will auch mit dieser konzeptionellen Gewalt, mit der Institutionalisierung des Speziesismus in der Sprache brechen. Ich widerspreche dem speziesistischen Konsens und spreche es akkurat aus: "Pelz" ist Mord!, "Fleisch" ist Mord!, Milch ist Raubmord! Und wo gemordet wird, da gibt es nun mal auch MörderInnen!"
Wenn jemand in unserer speziesistischen Gesellschaft von Walmord spricht, so stört dies kaum eineN mehr, verächtlich wird dorthin geschaut, wo Wale weiterhin ermordet werden, doch der Mord an Rindern, Schweinen, ... wird nicht als verachtenswert angesehen. Während der Begriff Vogelmord dort akzeptiert wird, wo es um den Mord an Zugvögeln geht, wird er zumeist nicht auch für das Umbringen von Hühnern, Puten, Gänsen, ... benutzt. Es ist die speziesistische Zuordnung zu Kategorien wie "Nutztier" und "Heimtier", nicht aber das, was den Tieren tatsächlich angetan wird, die als Folie dafür dient zu entscheiden, was als Mord bezeichnet werden darf und was nicht!
Bertha von Suttner hat gesagt: "Nie hätte das sich entwickelnde Zeitgewissen alte, rohe Institutionen abschaffen können, wenn man - um deren Träger zu schonen - die Institutionen niemals angegriffen hätte." In diesem Sinne ist es erforderlich, dass TierrechtlerInnen, wie z.B. Günther Rogausch es tut, die Gewalttaten gegenüber den nichtmenschlichen Tieren schonungslos - nicht gemäß speziesistischer Kriterien, sondern gemäß dem, was den nichtmenschlichen Tieren angetan wird - beim Namen nennen.
In diesem Sinne geht Günther Rogausch am Dienstag mit gutem Gewissen in die JVA Castrop-Rauxel:
"Es ist nicht mein Stil, Menschen absichtlich zu beleidigen. Aber, dass jemand, der Nerze umbringt, ein Mörder ist, ist mehr als nur meine Meinung, es ist Fakt! Wenn sich jemand tatsächlich dadurch beleidigt fühlt, so schäme ich mich dessen nicht. Im Gegenteil, ich würde mich schämen, wenn ich nicht von Mord sprechen würde! Das Zahlen der Geldstrafe käme für
mich persönlich einem moralischem Schuldeingeständnis gleich, ich würde nicht gemäß meiner festen Überzeugung handeln, sondern den bequemen Weg wählen. Ich gehe nicht aus freiem Willen ins Gefängnis, sondern sehe mich dazu gezwungen, dies zu tun! Es ist schon beachtenswert, dass jemand, der sich für die Freiheit aller Tiere einsetzt, dehalb seine eigene Freiheit verliert. Ich weiß, dass es kein einfacher Schritt ist, den ich gezwungenermaßen gehe, aber ich kann nicht verantworten, anders zu handeln! Während anderswo MenschenrechtlerInnen dafür eingesperrt werden, dass sie ihre Meinung sagen und ihre Überzeugung standhaft vertreten, werde ich als Tierrechtler dafür inhaftiert, dass ich Nerze nicht als Pelz(ware) ansehe. In diesem Sinne sehe ich mich als
'Prisoner of Conscience'. Doch ich sage mir, was sind schon 15 Tage Knast verglichen mit dem Terror, der tagein, tagaus von Menschen gegen nichtmenschliche Tiere ausgeübt wird! Meine Gedanken sind bei ihnen, bei den Opfern der speziesistischen Ideologie, deren Leichenteile auch innerhalb der Gefängnismauern serviert, gegessen und getragen werden. Meine Gedanken sind bei all den AktivistInnen, die sich für Tierrechte einsetzen und die, wie es sich (nicht nur an meinem Beispiel) zeigt, schon dadurch, dass sie ihre Meinung äußern und Fakten nennen, damit rechnen müssen, bestraft zu werden. Wir müssen uns gegen die speziesistische Gewalt aussprechen, sonst wird das Morden und die Ausbeutung nie, nie, nie ein Ende finden!!!"