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Bericht von Günther

15 Tage als Veganer im Knast

Am Dienstag, den 25.06.2002 war es soweit. Gegen 14.30 Uhr betrat ich die JVA Castrop-Rauxel, um eine 15-tägige Ersatzfreiheitsstrafe anzutreten.

Wofür musste ich ins Gefängnis?

Im Dezember 2000 wurde ich vom Amtsgericht Krefeld (eine Berufung wurde nicht zugelassen) zu 15 Tagessätzen verurteilt, weil ich am 13.08.2000 einen Nerzfarmer als Mörder und Verbrecher bezeichnet haben soll. Ich hatte dies zwar an dem fraglichen Tag nicht gemacht, aber ich habe, seitdem ich vegan lebe, immer dazu gestanden, dass es richtig ist, jemanden, der /die z.B. Nerze umbringt, als Mörder bzw. Mörderin zu benennen.
Ich hatte viele Jahre zuvor aufgehört, "Fleisch" zu essen, nicht etwa aus Tierschutzgründen - weil das Schlachten nicht schonend genug durchgeführt wurde oder weil ich ein Zeichen gegen die "Massentierhaltung" setzen wollte - sondern weil ich das Stück "Fleisch" nicht länger als ein Stück Etwas betrachtete, sondern als ein Stück Leiche von einem/einer Jemand: "Fleisch" wurde von mir nicht länger als ein "Nahrungsmittel" angesehen, sondern als Mord!1. Es war gerade die Weigerung, nichtmenschliche Tiere als "Fleisch" zu betrachten, gewesen, die mich anfingen ließ, mein Verhältnis zu nichtmenschlichen Tieren zu überdenken und die mich schließlich dazu brachte, mich für Tierrechte und gegen Speziesismus einzusetzen. Und nun sollte ich also jemanden beleidigt haben, weil ich ihn dafür, dass er Nerze umbrachte, als Mörder benannt hatte. Würde ich diese Benennung - und wäre das noch so insgeheim - nicht als zutreffend ansehen, dann würde ich Nerze als Pelz(ware) ansehen. "Mörder"-Rufe hatte der Nerzzüchter im Rahmen der Kampagne - nicht nur von mir - reichlich gehört (und er wusste selbstverständlich auch, dass damit der Mord an Nerzen gemeint war und nicht der Mord an Menschen), und es waren m.E. weitaus weniger diese Rufe, die ihn störten, als die ausdauernde Kampagne gegen seine "Pelzfarm" in Willich-Schiefbahn (die trotz ihres Erfolgs in manchen Punkten kritisch betrachtet werden muss, so sind z.B. Anzeigen wegen "Überbelegung der Käfige" oder wegen eines Verstoßes gegen Umweltgesetze m.E. nicht tierrechtlerisch gewesen). Ich wurde von dem Nerzzüchter deshalb angezeigt, weil ich einer derjenigen war, der von ihm als "harter Kern" der GegnerInnen seiner Nerzfarm - gegen die eine Kampagne lief - ausgemacht wurde (was wohl auch dem Umstand zu "verdanken" ist, dass ich einige Demos gegen die Farm angemeldet hatte).
Für mich war von vornherein klar, dass ich eine Strafe für eine nichtspeziesistische Sprache nicht akzeptieren würde und dass ich dies auch nach außen durch eine Weigerung, diese zu zahlen deutlich zum Ausdruck bringen will. Denn auch wenn meine Anzeige wegen Beleidigung vermutlich, wie beschrieben, nicht auf meine Sprachwahl zurückging, sondern darauf, dass ich mich gegen die Nerzfarm engagiert hatte, so wurde ich vom Gericht letztendlich für mein Bemühen um eine nichtspeziesistische Sprache verurteilt, womit wiederum mein antispeziesistisches Selbstverständnis, meine Opposition zum speziesistischen Credo "Tiere sind für uns da!" abgestraft wurde.

Im Vorfeld der Haftzeit

Am Montag, einen Tag vor meinen geplanten Haftantritt, rief ich in der JVA an, um dort mitzuteilen, dass ich vegan lebe, morgen die Haft antrete werde und erwarten würde, dass es mir ermöglicht wird, auch im Gefängnis gemäß meiner ethischen - präziser: antispeziesistischen - Grundüberzeugung zu leben. Zuerst - bei der Zentralnummer - bekomme ich die Auskunft: "Das ist alles kein Problem!". Schön wär's, denke ich, schließlich war dies der Punkt, der mich bzgl. meiner anstehenden Haft am meisten beschäftigte. Als ich nach dem Namen der Auskunftsgebenden fragte, um mich später darauf berufen zu können, wurde ich weitergeleitet. Hier hörte sich alles schon ganz anders an wie z.B. "Dann hätte ich Pech gehabt", "Wenn sie wegen Mord eingesperrt werden, dann können sie doch nicht erwarten ..." (irgendetwas muss da bzgl. Mord verwechselt worden sein). Schließlich wurde ich an "den Sanitäter" weitergeleitet. Auf mein "Was soll ich denn mit dem Sanitäter reden" (anscheinend werden VeganerInnen per se als Kranke angesehen) wurde gar nicht mehr eingegangen. Von dem bekam ich sinngemäß zu hören, dass "hier noch nie jemand gefoltert worden ist" u.ä. und dass ich eben hungern, verhungern müsse, wenn ich nichts essen würde (was, abgesehen von einer Bewertung dieser Aussage, in 15 Tagen wohl schlecht möglich wäre). Von Satz zu Satz wurde er "freundlicher", wenngleich ich bestimmt, aber ruhig blieb - bis er den Hörer hinknallte.
So musste ich die JVA ein weiteres Mal anrufen, und nach nur zwei Weiterleitungen hatte ich dieses Mal die Anstaltsleiterin am Hörer. Nachdem ich ihr die Situation geschildert hatte, dass ich vegan lebe, dass ich kein "Leder" tragen würde (in meiner Ladung zum Haftantritt hieß es, dass keine eigene Kleidung in der JVA getragen werden dürfe), ... zeigte sie eine für mich - auch nach dem zuvor Erlebten - erstaunliche Reaktion. Nach dem Gespräch war z.B. klar, dass ich eigene Schuhe tragen konnte (tags darauf stellte ich dann fest, dass dies alle Gefangenen taten, und da ich ohne Wechselzeug angekommen war, musste ich mir beim ersten Besuch auch gleich Kleidung mitbringen lassen, ansonsten wäre ich der einzige Gefangene in Anstaltskleidung gewesen), und auch bzgl. der Ernährung wurde nicht gleich abgeblockt. Nach diesem Gespräch hatte ich nun nicht mehr die Befürchtung, dass ich nach dem Motto "Die 15 Tage wird er schon ohne Nahrung überleben" ignoriert werden würde. Allerdings war die Vorstellung, dass ich von Kartoffeln und Äpfel allein ernährt werden könnte, noch im Raum. Wenn es evtl. nicht von Anfang an klappen würde, mir eine ausgewogene vegane Ernährung anzubieten, so wäre dies noch eine Sache gewesen, die ich, so sagte ich mir, noch "akzeptieren" würde, jedoch sicherlich nicht auf Dauer. Mir wurde auch gesagt, dass ich mich hätte früher melden sollen, aber eine Haftantritts-Meldepflicht gibt es nun mal nicht, und m.E. wäre es die Aufgabe der Staatsanwaltschaft gewesen, die JVA auf die Inhaftierung eines Veganers (selbiges gilt selbstverständlich auch für eine Veganerin) vorzubereiten. Wenn ich schon verurteilt werde, dann ... . Nichtsdestotrotz würde ich allen VeganerInnen, denen eine Haft bevorsteht, raten - wenn es möglich ist -, bereits im Vorfeld Kontakt zur JVA aufzunehmen.
Ich habe nur mit ganz wenigen Leuten im weiteren Vorfeld meiner Haftzeit darüber gesprochen, dass und wann ich die Haft antreten werde. Ich wollte mich nicht in eine Situation bringen, dass ich sage, dass ich die Haft antrete, aber letztendlich dann doch "kalte Füße" bekomme und diese dann womöglich nicht deshalb durchziehe, da ich voll und ganz dahinterstehe, sondern weil ich mich dazu "verpflichtet habe bzw. fühle". Erst wenige Tage vor meinem ersten Hafttag habe ich mehr Leuten davon erzählt, so dass ich abends zuvor z.B. noch einen Anruf bekam, in dem mir dringend davon abgeraten wurde, da mich dort Gewalt seitens mancher anderer Gefangener erwarten würde (dieselbe Person verglich die JVA in Castrop-Rauxel später mir gegenüber mit einem Sanatorium und ließ sich offensichtlich dabei vom äußeren Eindruck blenden).

Die Haftzeit

Als ich dann um kurz vor 14.30 Uhr vor der JVA stand, war mir endgültig vollkommen klar, dass ich dort reingehen würde. Es mag sich merkwürdig anhören, aber ich war - trotz der Ungewissheit, was mich dort erwarten würde -, recht guter Laune, als ich die letzten Schritte in die zeitweise Unfreiheit tat. 15 Tage sind ja nun auch wirklich keine allzu lange Zeit, und ich war zuversichtlich, diese Tage gut durchzustehen. Im Pförtnerhäuschen der JVA - es ist ein offener Vollzug - musste ich meine Tasche ausräumen und kontrollieren lassen.
Danach ging es quer über das Gelände (viel Grün und überall Hafthäuser), und die Aufnahmeprozedur begann. Zuerst wurde mir erklärt, wo ich überall hin muss, in welches Hafthaus ich dann muss, ... . Ich wiederum gab gleich ein Schreiben an die JVA ab, in dem ich noch mal darauf hinwies, dass ich vegan lebe und was dies für meinen Gefängnisaufenthalt bedeutet. Als erstes ging es zur Kleiderkammer, wo ich Bettzeug, Tasse und Besteck bekam. Als ich die Annahme einer "Wolldecke" verweigerte, wird mir damit gedroht, mich gleich zum "geschlossenen Vollzug" zu bringen, was mich aber nicht allzu groß beeindruckte (wenngleich ich schon etwas mehr Anspannung fühlte). Die Decke nahm ich erst dann mit, als sich per Etikett erwies, dass sie keine "Wolle" enthielt und dementsprechend doch vegan ist. Im Hafthaus angekommen, folgte erst mal ein Aufnahmegespräch mit dem anwesenden Hausbeamten. Hier bekam ich diverse Merk- und Informationsblätter ausgehändigt, und es wurde mir der Tagesablauf im Knast erklärt. Morgens um 6 Uhr werden die Gefangenen geweckt (samstags um 7.30 Uhr, sonntags um 8.00 Uhr), von 6-22 Uhr darf sich auf dem Gelände bewegt werden (allerdings erst ab einer bestimmten Zeit auch z.B. gesonnt), um 18.30 Uhr findet eine Anwesenheitskontrolle im Büro des Hafthauses statt, ab 22 Uhr ist Nachtruhe (einmal wurde mitten in der Nacht die Anwesenheit in den Zellen kontrolliert). Zu meiner Verwunderung wurde mir eine Einzelzelle - die wie alle Zellen hier keine Gitter an den Fenstern hatte und für die ich einen Schlüssel bekam, das Klo bzw. die Klos waren außerhalb der Zelle - zugewiesen. Dies geschah wohl auf Anweisung der Anstaltsleiterin, da sie meinte, dass es für mich als Veganer nicht ok wäre, wenn Mitgefangene "Fleisch" in der Zelle essen würden. Darauf war es wahrscheinlich auch zurückzuführen, dass ich in einem Hafthaus untergebracht wurde, in dem eigentlich nur Leute inhaftiert sind, die längere Haftzeiten bekommen haben. Traurig war ich über nicht über die "Einzelunterbringung". Spätestens ab diesen Zeitpunkt war mir klar, dass es mit dem vegan leben hier vielleicht doch nicht so große Probleme geben würde, wie ich sie vermutet hätte und dass mein Anruf von Vortag sich schon gelohnt hatte. Am nächsten Tag sollte dann die Aufnahmeprozedur fortgesetzt werden, da es am ersten Tag meiner Haft dafür nun schon zu spät war. U.a. musste ich dann zur Gefängnisärztin und mit der, so wurde mir gesagt, sollte ich dann auch wegen meiner Ernährung alles abklären (und auch wenn ich mich wiederhole: wieder als ob alle VeganerInnen ärztlicher Betreuung bedürften).
Für mich hieß es nun, meine Zelle zu beziehen und die erste Nacht im Knast zu verbringen. Am Abend machte ich mir noch ein paar Notizen über den bisherigen Tag, und dann fing ich an, eins der Bücher zu lesen, die ich mir mitgebracht hatte.

Am Mittwoch musste ich dann als erstes zur Ärztin. Dort wurde ich erst mal von Sanitätern "begrüßt", die mich u.a. nach meinem Drogenkonsum ausfragten. Dann ging es zur Ärztin, die ich, wie mir gesagt wurde, auf meinen Veganismus ansprach. Diese weigerte sich aber, darauf einzugehen, sondern meinte, dass ich schon nicht verhungern würde und dass keine Rücksicht auf einen Veganer genommen werden könnte (in der JVA gab es übrigens auch kein vegetarisches Essen). Als ich ihr Zimmer verließ, wollten die Sanitäter von mir plötzlich eine Urinprobe (keine Ahnung, ob diese Schikane deswegen erfolgte, weil ich vegan lebe und/oder die Ärztin sich über mich aufgeregt hatte oder weil ich ihnen gesagt hatte, dass ich absolut drogenfrei - auch keinen Alkohol, Nikotin, Koffein, ... - lebe). Als ich mich weigerte, eine solche zu geben, musste ich mit ihnen mitkommen, und es ging ab in die Kleiderkammer, wo mir, diesmal von den Sanitätern, gedroht wurde, nachher in den geschlossenen Vollzug überführt zu werden (der letzte "Transporter" war angeblich gerade weg) und ich auf einen Aufruf für die Verlegung in meiner Zelle warten müsse.
Wieder im Hafthaus angekommen, versuchte ich gleich den Hausbeamten zu sprechen, der aber gerade nicht im Büro war. Später traf ich ihn dann an, erzählte ihm von der Schikane der Sanitäter und von der Position der Ärztin bzgl. meines Veganismus. Ergebnis: Nun sollte ich direkt mit dem Koch sprechen, um meine Verpflegung sicherzustellen (die Sanitäter hatten hingegen keine Befugnis, über eine Haftverlegung zu entscheiden).

Es wäre auch möglich gewesen, dass ich von auswärts versorgt werde - im Hafthaus gab es auch eine Küche -, allerdings war dies für mich nicht akzeptabel (ich hatte mir nur Vitamin B12, ein paar Scheiben Brot für die ersten Tage und Zahnpasta/Seife/Shampoo mitgenommen). Schließlich wurde mir die Freiheit entzogen und dann, so mein Standpunkt, muss auch dafür gesorgt werden, dass ich vegan ernährt werde, ohne dass ich die Kosten dafür trage.
Mit dem Koch hatte ich dann eine längere Unterhaltung, in der ich erläuterte, was ich esse und wen bzw. welche Ausbeutungsprodukte nicht (auch bzgl. "versteckter Tierprodukte") und was für eine halbwegs ausgewogene und hinreichende vegane Ernährung erforderlich war. Er schlug vor, dass ich mit einem JVA-Angestellten einkaufen gehen könnte und dass ich dort Gemüse (in der JVA gab es fast nur Tiefkühlgemüse), Mandeln, Rosinen, Getreideflocken und Sojamilch kaufen sollte. Nach einer Rücksprache mit der JVA-Leitung war es klar, dass mir 4 Liter Sojamilch (in ½ Liter-Packungen) gewährt wurden. In der Küche konnte ich mir dann bei der Frühstücks- oder Mittagsausgabe jeweils Obst und frisches Gemüse für einen Salat abholen, und mittags gab es für mich jeden Tag Kartoffeln oder seltener (weißen) Reis (nur in Wasser und Salz gekocht) mit in Salz gekochtem Gemüse.
Am 3. Tag ging es dann mit einem JVA-Angestellten u.a. ins Reformhaus, und so hatte ich ab dem 3. Tag ausreichend zu essen. Morgens nahm ich ein Obstfrühstück zu mir, Mittagessen gab es schon ab 11.45 (samstags und sonntags gar schon um 11.00 Uhr), von daher reichte es erst mal, nachmittags aß ich zwischendurch Mandeln und ein (selbstgemischtes) Müsli und abends dann einen Salat-ohne-Salat-und-Dressing.
Bzgl. dem Brot (welches aus einer anderen JVA stammte) hat der Koch eine Anfrage, die ich in der JVA schrieb weitergeleitet. Das Ergebnis war, dass allerhöchstens eine Brotsorte hätte vegan sein können, in dieser war jedoch als (oder im? - so genau weiß ich das jetzt nicht mehr) Trennmittel E 322 (Lecithin) enthalten, welches evtl. unvegan sein konnte. Es wäre mir nun ermöglicht worden, auch hier bei der Herstellerfirma eine Anfrage zu starten, da aber eine Antwort wohl erst in den letzten Tagen meiner Haftzeit eingetroffen wäre (und ich mit Getreideflocken versorgt war), habe ich davon abgesehen, und es gab eben kein Brot für mich.
Alles in allem hätte ich - auch wenn das Essen für einen Zeitraum von weitaus mehr als 15 Tagen nicht ausgewogen und hinreichend genug gewesen wäre und abgesehen davon, dass das Mittagessen kein großer Genuss war - nicht gedacht, dass ich so wenig Probleme bzgl. meiner veganen Ernährung bekommen würde, wie es dann tatsächlich der Fall war. Ich denke, dies ist zum einem darauf zurückzuführen, dass ich dies recht bestimmt eingefordert habe und zwar als etwas Selbstverständliches und nicht als Bittsteller, zum anderem aber auch darauf, dass die JVA vermeiden wollte, dass eine Verweigerung die JVA evtl. negativ in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken könnte.

Nachdem ich alles bzgl. der veganen Ernährung geklärt hatte, konnte ich mich in den nun folgenden Tagen ganz meinen mitgebrachten Büchern widmen. Nach ein paar Tagen kam dann ein erster Brief in der JVA an, es war eine schöne Abwechslung, Worte der Solidarität zu lesen. Erfreulicherweise konnte ich zweimal in der Woche für eine Stunde von maximal 3 Leuten besucht werden (zuvor war ich davon ausgegangen, dass in der gesamten Zeit nur ein Besuch gestattet würde und - womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte - an den beiden Wochenenden hatte ich je einmal für 5 Stunden Besuchsausgang. Zudem konnte ich uneingeschränkt von einer Telefonzelle aus telefonieren, so dass ich den Tierrechtler Andreas Schneider - der netterweise u.a. eine Website mit Infos zu meiner Haft erstellt hatte - auf dem Laufenden halten konnte, und umgekehrt bekam ich so auch mit, dass in den Zeitungen mein Haftantritt erwähnt wurde.
Mit den anderen Gefangenen hatte ich nicht allzu viel zu tun, u.a. da der Großteil von ihnen tagsüber entweder draußen (offener Vollzug) oder innerhalb der JVA arbeiten musste, ich eine Einzelzelle hatte und auch, da 15 Tage eine recht kurze Zeit sind (und aggressiv oder gar gewalttätig war keiner mir gegenüber). Dennoch habe ich ein paar etwas längere Gespräche gehabt. Die Leute fanden den Anlass für meine Strafe lächerlich, haben sich erst mal gewundert, dass ich so eine kleine Geldstrafe nicht bezahlt hatte, als ich jedoch erläuterte, worum es ging, konnten einige es schon nachvollziehen (aber für die meisten waren 15 Tage auch eine lächerlich kurze Zeit), und von einigen wenigen hörte ich auch, dass sie das, was ich manche, gut fänden (wobei dies nicht über das Thema "Pelz" hinauszugehen schien). Dumme Sprüche oder ähnliches bekam ich kaum zu hören - was aber auch hinter meinem Rücken geschehen sein kann. Meine Extraration Obst und Gemüse kam bei einigen wohl nicht so gut an bzw. ich wurde als eine Art Privilegierter betrachtet. Um mal zwei Beispiele zu nennen, einmal bekam ich zu hören "Da kann ein Kaninchen ein ganzes Jahr von satt werden" und ein anderes Mal "Weißt du wo du hier bist? - Im Knast", so dass ich nur noch bei dringendem Bedarf Obst/Gemüse abholte.
Die JVA-Angestellten in "meinem" Hafthaus waren sehr daran interessiert, weshalb ich die Tagessätze nicht bezahlt hatte und weshalb ich vegan lebe. Einer hat mich auch explizit als einen politischen Gefangenen bezeichnet.
Am 7. Tag fand dann von 17-19 Uhr eine Solidaritätsdemo vor der JVA statt. Am Vormittag hieß es seitens eines Hausbeamten noch, dass ich mich frei bewegen könnte und die Schranke am Gefängnistor für mich die Grenze wäre. Doch nachmittags kam dann die Anweisung (von der JVA-Leitung), das Hafthaus für die Zeit von 17-19 Uhr nicht verlassen zu dürfen. Desweiteren wurde mir auch untersagt, mich in dieser Zeit ans Fenster zu stellen bzw. mich dort bemerkbar zu machen (meine Zelle lag direkt an der Eingansseite, so dass ich evtl. Blickkontakt hätte herstellen können bzw. bei offenen Fenster mich auch akustisch hätte bemerkbar machen können). Um dies durchzusetzen - meine Kontrolle zu erleichtern -, wurde ich kurz vor 17 Uhr ins Büro des Hausbeamten gerufen.
Zuerst ging es um einen Zeitungsartikel in der Castroper Ausgabe der WR, in dem die Befürchtung geäußert wurde, dass ich im Knast nichts veganes zu essen bekommen würde. In diesem Zusammenhang fiel die Bemerkung, dass es für die JVA am besten ist, wenn über sie keine Artikel erscheinen. Bis ca. 18.30 Uhr wurde ich im Büro festgehalten, erst dann durfte ich wieder in meine Zelle zurück Aber die ca. 30 DemonstrantInnen waren auch im Büro nicht zu überhören, und ich habe auch manches mir bekannte Gesicht erkennen können. Als ich den Hafthausflur betrat, war dieser voll mit Mitgefangenen, die so etwas wie eine Demo vor dem Knast wohl auch noch nicht erlebt hatten und dazu auch noch für jemanden, der nur kurze Zeit hier sitzen musste. Als ich dann nach kurzen Gesprächen in meiner Zelle angekommen war, stellte ich fest, dass direkt vor dem Zellenfenster jemand von der "JVA-Sicherheit" Patrouille lief.
Nach der Demo war mein Bekanntheitsgrad in der JVA noch stärker angestiegen als er zuvor war. Was ich an der Demo trotz der Unterstützung nicht so gut fand waren einige Sprüche. Die DemonstrantInnen wussten, dass ich mich nicht als Tierschützer sehe und verstehe, dennoch hieß es "Wer Tiere schützt, der ist kein Verbrecher!", und die "Tiermörder rein, rein in das Gefängnis!"-Rufe stellen für mich auch keine Lösung da. Ich unterscheide nicht zwischen "guten" und "bösen" SpeziesistInnen, d.h. diejenigen, die eigenhändig nichtmenschliche Tiere umbringen, sind m.E. nicht "böser" als ihre AuftraggeberInnen. Und sollte die Mehrheit der EinwohnerInnen der BRD ins Gefängnis? Zudem bin ich alles andere als ein Freund der Institution Gefängnis.

Am 9. Juli wurde ich dann aus der Haft entlassen. Wider Erwarten hatte ich in dieser Zeit noch nicht mal abgenommen. Von den Hausbeamten wurde ich mit den Worten: "Die Sympathien sind auf ihrer Seite. Machen sie so weiter!", aber auch mit einem "Beim nächsten Mal melden sie sich früher" verabschiedet.

Fazit

Meine Entscheidung, die Tagessätze nicht zu zahlen, sondern stattdessen diese abzusitzen, habe ich keinen Moment bedauert.
Der schwerste Moment war für mich der, als ich nach meinem ersten Besuchsausgang wieder in die JVA zurückmusste (nachdem ich zuvor einen schönen Nachmittag mit einer guten Freundin verbracht hatte). Ansonsten schien die Zeit mir weitaus langsamer zu vergehen als die in Freiheit, und ich habe die Tage gezählt, bis ich die JVA verlassen durfte. Ich freute mich schon darauf, mir wieder selbst etwas kochen zu können, das zu tun, worauf ich Lust habe, war froh, endlich wieder etwas anders als lesen zu können und ... . Es war ein Gefängnis (und kein Sanatorium o.ä). Und ich war total froh, nach 15 Tagen wieder frei zu sein.
Aber dennoch, trotz allem, war es so, dass ich eigentlich immer in guter Stimmung war, ja es ging mir gut. Ich wusste nicht nur, dass mein Aufenthalt im Knast nur von kurzer Dauer war. Zudem habe ich voll hinter dem gestanden, was ich getan habe, etwas, was mir bei vielen Aktionen, an denen ich mich zuvor beteiligt hatt, gefehlt hatte. Dies ist mir allerdings auch erst eine ganze Weile nach meinem JVA-Aufenthalt so richtig bewusst geworden.
Der Knastaufenthalt war für mich übrigens im Endeffekt teurer, als wenn ich die Geldstrafe bezahlt hätte2. Es ging mir also dabei nicht ums Geld, die Geldstrafe hätte ich auch irgendwie aufbringen können.
Ob ich - im Fall der Fälle - noch mal statt Tagessätze zu zahlen, die Strafe absitzen würde, weiß ich nicht, da ich dies von den konkreten Umständen abhängig machen würde. Allerdings kann ich allen Leuten, die vor einer ähnlichen Entscheidung stehen, eine Geldstrafe zu zahlen oder diese abzusitzen (d.h. auch den Staat für die Haftzeit zahlen zu lassen), nur dazu ermutigen, diese Möglichkeit nicht von vorneherein auszuschließen.
Günther Rogausch, Februar 2005

1) Ich trug kein "Leder" und keine "Wolle", meinte aber erstmal immer noch, dass am Konsum von Milch und Eiern nichts grundsätzliches auszusetzen sei. Dem speziesistischen Credo: "Tiere sind für uns da!" stimmte ich weiterhin zu, wenngleich ich aufgehört hatte, Leichen(teile) zu essen. Später - jeder Moment davon einer zu viel - fing ich an vegan zu leben, da ich es nicht mehr in Ordnung fand, dass nichtmenschliche Tiere ausgebeutet werden, dass die "Milchkuh" und die "Legehenne" zur Sklavin erklärt werden. Erst danach erfuhr ich, dass ich auch als Vegetarier weiterhin am Mord beteiligt gewesen war - so meine ich zumindest heute. Denn vielleicht mache ich mir da im nachhinein selbst was vor, d.h. ich unterschätze evtl. damit meine damalige speziesistische Grundhaltung und habe diesen Aspekt so sehr verdrängt oder harmlos geredet, dass es für mich (einen "guten Vegetarier") irrelevant war. Schließlich hatte ich auch meinen Wunsch Vegetarier zu werden nicht sofort umgesetzt, was - trotz allem Ärger, den ich dafür bekam, "kein Fleisch mehr essen zu wollen" - daran lag, dass ich Speziesist war.

2) Ich bekam zu dem Zeitpunkt Arbeitslosenhilfe, die mir für die 15 Tage gestrichen wurde, zudem musste ich die Krankenkassengebühr für diese Zeit nachzahlen. Ich hatte zwar zuvor beim Arbeitsamt meinen "Urlaub" genommen, doch der JVA-Aufenthalt wurde als solcher nicht anerkannt, d.h. er wäre über die JVA gemeldet worden. Die Folge war, dass ich erst sogar noch ein Verfahren vom Arbeitsamt gegen mich laufen hatte, welches dann allerdings eingestellt wurde.